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loky*-Thema mit 112: Kein Krankenwagen unter dieser Nummer

Wir rufen unnötig oft den Notruf. Das hat Folgen für das ganze System. Ein Themen-Newsletter über Rettungskräfte in Not und Erste Hilfe.

loky*-Thema mit 112: Kein Krankenwagen unter dieser Nummer
Krankenwagen in Berlin. (Foto: Benoît Prieur - Own work, CC0 via Wikimedia)

Ihr Lieben.

Im vergangenen Herbst wäre mein Vater fast gestorben. In seinem Schlafzimmer, knapp einen Kilometer Luftlinie entfernt von der Charité.

Mein Vater ist ein harter Knochen. Erkältungen gelten bei uns in der Familie als "gesund". Doch als er vor lauter Rückenschmerzen nicht mehr vor oder zurück konnte, rief meine Mutter den Rettungswagen.

Doch der kam nicht.

Stattdessen erschien drei Stunden später eine freundliche Ärztin, die gerade in ihrer Praxis Feierabend gemacht hatte, und spritzte Schmerzmittel.

Am Telefon hatte man meine Mutter gefragt, ob die Situation lebensbedrohlich sei. Meine Mutter, keine medizinische Fachkraft, meinte: eher nein. Der Schmerz war nur unerträglich und mein Vater bewegungsunfähig.

Dass diese Symptome Anzeichen einer Infektion waren, die meinen Vater beinahe das Leben gekostet hätten, erfuhren wir erst später, als er es am Ende einer Odyssee gerade noch rechtzeitig in den OP der Charité geschafft hatte.

Ich habe in meinem Leben noch nicht oft die 112 wählen müssen. Bislang war ich davon ausgegangen, dass man dort in Notfallsituationen Hilfe bekommt – gerade in unserem Kiez, wo die nächste Rettungsstelle um die Ecke ist.

Dieses Erlebnis hat mich mit einem anderen Gefühl zurückgelassen.

Was ist da los? Meine Kollegin Emilia hat recherchiert.


Rettungswagen: Wegen zu großer Nachfrage ausgebucht

Feuerwache in der Oderberger. Von hier rücken die Rettungswagen aus.

Worum geht’s?

Stell dir vor, du rufst einen Rettungswagen – und keiner kommt. Sondern irgendwann, teilweise nach Stunden, ein Arzt oder eine Ärztin des kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes.

Genau das passiert in Berlin, jeden Tag, weil die Zahl der Notrufe die Zahl der Einsatzkräfte übersteigt. Über 1,15 Millionen Anrufe waren es 2024 – neuer Spitzenwert. Alle 30 Sekunden klingelte im Schnitt in der Rettungstelle das Telefon.

Vor knapp einem Jahr wurde aus diesem Grund ein Triage-System für den Notruf 112 eingeführt. Seitdem werden eingehende Einsätze priorisiert und nach Dringlichkeit in fünf Notfallkategorien geordnet.

Das System funktioniert so:

  1. Du wählst die 112 und dein Anruf landet in der Leitstelle der Berliner Feuerwehr, wo alle Einsätze koordiniert werden.
  2. Dort wirst du nach einem standardisierten Katalog befragt. Bestimmte Schlüsselbegriffe wie "bewusstlos" helfen den Menschen am Notruf dabei, das Geschehen vor Ort zu verstehen und den Anruf in eine Notfallkategorie einzusortieren. Diese gehen von Kategorie 1 (akut lebensbedrohlich, z.B. Herz-Kreislauf-Stillstand) bis Kategorie 5 (nicht-dringend, etwa ungefährliche Blutungen).
  3. Aus dieser ergibt sich die Dringlichkeit: In Kategorie 1 sollte innerhalb von 10 Minuten ein Einsatzwagen vor Ort sein. In Kategorie 5 wird im Zweifelsfall im Laufe des Tages der kassenärztliche Bereitschaftsdienst vorbeigeschickt.

Warum ist das wichtig?

Wer die 112 anruft, ist im Zweifel in Panik – und extra gestresst, wenn erst einmal ein Fragenkatalog abgearbeitet wird.

Doch der Grund dafür ist nicht die Bequemlichkeit der Feuerwehr. Den Grund liefern wir selbst, weil wir die 112 in Situationen wählen, in denen ein Taxi, der Hausarzt oder jemand aus dem Freundeskreis die bessere Anlaufstelle gewesen wäre.

Was sagt die Feuerwehr?

Die Pressestelle der Feuerwehr erklärt: